022 – Broterwerb und Wertewelt gut vereinbaren zu können ist Luxus!” Klaus Candussi, Social Franchisegeber
Wie der Unternehmer Klaus Candussi Geld verdient und dabei Gutes tut.

Klaus Candussi ist ein Unternehmer, der sein Leben in den Dienst seiner Mitmenschen gehängt hat. Er empfindet es als eine Art Luxus, wenn man in seinem Unternehmer-Leben den Broterwerb und seine Wertewelt gut vereinbaren kann. Seit 20 Jahren führt er das heutige Social Franchise Unternehmen Atempo und arbeitet für das Ziel einer “inklusiven Gesellschaft”. Einfach war es nicht immer und in diesem Gespräch beschreibt er, wie er eine letzte Sache ausprobierte, als sie eigentlich schon konkursreif waren. Er musste es schaffen, denn er wollte 80 Mitarbeiter, und davon 20% mit Behinderung, nicht ihrem Schicksal überlassen.

(Audio 22:33 Min)

Klaus Candussi ist 62 Jahre alt und war immer in seinem Leben unternehmerisch oder mindestens als angestellter Geschäftsführer unterwegs. Gestartet ist Klaus mit einem Studium als Musikwissenschaftler. Um damit nicht gleich in der Arbeitslosigkeit zu landen, ging er zum Zivildienst in den Sozialbereich. Ihn trieb die Neugier und er konnte nicht ahnen, dass damit seine weitere Laufbahn in diesem Bereich startete.

In seinem ersten Job war er ein “lose geführter Geschäftsführer” mit einem Vorstand über sich stehend. Seine zweite Arbeitsstelle schuf er sich selber und wurde Geschäftsführer einer gemeinnützigen GmbH, nur mit einem Aufsichtsrat über sich. Die dritte berufliche Station in seinem Leben ist Atempo, was er gemeinsam mit seiner Partnerin vor 20 Jahren gründete. Heute sind sie beide als Gründer und Geschäftsführer unternehmerisch voll verantwortlich tätig.

Abonniere den Unternehmer Gesucht Podcast!

Was ist Atempo?

“Das große hohe Ziel von Atempo ist eine inklusive Gesellschaft. Eine Gesellschaft, in der alle Menschen miteinander gemeinsam leben, lernen und arbeiten können. Weil wir nicht ganz größenwahnsinnig sind, haben wir uns drei Hebel gesucht, an denen wir arbeiten.”

Grob zusammengefasst sind die drei Hebel folgende:

● Bildung, insbesondere Qualifizierung beim Übergang bei Schule zu Beruf
● Selber für sein Leben auswählen und entscheiden zu können
● Capito: Barrierefreiheit bei Informationen durch für Jeden verständliche Informationen und Texte.

Unverständliche Informationen sind wie Treppen für Rollstuhlfahrer

“Die Unverständlichkeit von Informationen, bei Behörden zum Beispiel, ist wie eine Treppe für Rollstuhlfahrer!”

Ab dem Moment, wo der Text nicht verstanden wird, kommt man nicht weiter. Das Schlimmste daran ist, man bleibt immer in der Abhängigkeit von anderen Menschen.

Manche Menschen ärgern sich bei unverständlichen Texten nur und können sich selber helfen. Ganz viele Menschen können sich allerdings nicht mehr selber helfen und werden dadurch in ihren Möglichkeiten eingeschränkt. Beispiele können sein:

● Ich kann meine Bürgerrechte nicht wahrnehmen und am politischen oder gesellschaftlichen Leben nicht teilhaben
● Im Berufsleben kann ich nicht lernen und meine Bildungschancen nicht nutzen
● und viele weitere Möglichkeiten, durch unverständliche Informationen ausgeschlossen zu werden

Leistungserbringung mit und für benachteiligte Menschen

Das Interessante ist, dass Atempo Leistungen für benachteiligte Menschen erbringt, aber gleichzeitig benachteiligte Menschen in die Leistungserbringung einbezieht. Dabei ist Atempo auch wirtschaftlich orientiert. Das Produkt wird erst dann als gut angesehen, wenn Andere bereit sind, dafür Geld zu bezahlen. Gleichzeitig sieht Klaus und sein Team die Leistungen eben deshalb als besonders gut an, weil Menschen mit Behinderungen daran mitwirken.

In den Anfängen lag der Fokus von Klaus Candussi und seinem Unternehmen Atempo darin, Leistungen für Menschen mit Behinderung zu erbringen. Er erkannte aber, dass diese damit weiterhin unzufrieden waren und er erkannte, dass sie Leistungen mit Menschen mit Behinderungen erbringen sollten.

Capito entstand fast zufällig

Eine persönliche Erfahrung war die Geburtsstunde des Unternehmensbereiches Capito, ohne dass Klaus es zu dem Zeitpunkt es ahnte. Im Rahmen eines EU-Projektes kam er in Kontakt mit Menschen mit Lernschwierigkeiten. Diese sahen sich selbst als beste Experten für ihr Leben. Nicht Experten oder Fachleute und auch nicht ihre Eltern.

Er wollte ein EU-Projekt mit ihnen machen und sie sagten, sie könnten alles lernen – mit den richtigen Hilfsmitteln und dem passenden Tempo. Aber sie verstanden das EU-Kauderwelsch in dem benötigten Vertrag nicht. Sie sagten, sie würden einen Vertrag dann unterschreiben, wenn er so getextet würde, dass sie ihn verstünden.

 “Wenn man so will, war das die Geburtsstunde von Capito.”

Tue Gutes und verdiene Geld damit

Die unternehmerische Tätigkeit ist Klaus Candussi wichtig. Das “Sahnehäubchen” obenauf ist der social Impact. So muss er nichts Sinnloses tun und dafür Schmerzensgeld beziehen. Dies steht auch bei der Suche nach Franchisenehmern im Vordergrund: “Tue Gutes und verdiene Geld damit” steht überall oben drauf.

Franchise als Option für Menschen die einen sinnvollen Beitrag leisten wollen

Das Problem für Menschen, die im beruflichen Kontext einen sinnvollen Beitrag für die Welt schaffen wollen, ist meistens “wie fange ich an?”. Sie fragen sich, wo sie das Geld und die Idee herbekommen.

Hier hat Franchising eine super Botschaft. Denn wenn ich selber keine Idee habe, kann ich nach der passenden Idee suchen. Ich kann mir ein erprobtes System suchen und trotzdem selbständig sein und etwas vernünftiges tun.

Diese Franchise-Vorteile gelten auch für Social Franchising. Der einzige Unterschied ist, dass im Social Franchising zusätzlich der Social Impact nicht als CSR-Projekt vor Weihnachten obenauf kommt, sondern als Kern des Unternehmens schon enthalten ist.

Franchise als Innovationsgenerator

Franchising ist nicht nur ein Skalierungsinstrument um zu Expandieren. Wenn man es partnerschaftlich aufzieht, ist es gleichzeitig ein tollen Entwicklungsinstrument. Ein Franchise-Netzwerk kann ein absoluter Innovationsgenerator sein. Da kann ein kleinteilig organisierter Wettbewerber nicht mehr mithalten, weil das Netzwerk einfach viel stärker ist.

Zwei Unternehmen mit Höhen und Tiefen

Klaus Candussi hat das Glück, zwei Unternehmen gegründet zu haben, die heute gut laufen. Doch er hat Höhen und Tiefen erlebt und sich durchaus immer wieder mal in entsprechenden Situationen gefragt, warum er sich diesen Job überhaupt antut.

Viele Menschen leiden aufgrund ihrer Arbeit

Meistens weiß er am nächsten Tag dann doch wieder, warum er sich dafür entschieden hat:

“Weil ich gesehen habe, wie Menschen leiden können an ihrer Arbeit. Und ich will nicht an meiner Arbeit leiden.”

Aufgrund der Arbeit leidende Menschen sieht er rundherum. In der eigenen Familie und auch bei vielen Anderen. Sie müssen zur Arbeit gehen, um Geld zu verdienen. Obwohl sie sich damit nicht identifizieren können oder es sie krank macht. Das ist für sie eine schlimme Situation.

Ein letzter Versuch, obwohl konkursreif

Daneben gab es veritable wirtschaftliche Krisen im Unternehmen.

Vor ein paar Jahren wurden die Kostensätze für sein Unternehmen von Behörden um 30% gekürzt.

“Das war der Punkt, wo wir eigentlich wirtschaftlich tot waren”.

Sie hätten aufhören können oder den Standort verlagern können. Doch sie hatten 80 Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen und davon 20% Menschen mit Behinderungen. Er wusste, sie würden sich schwer tun, woanders einen Job zu bekommen. Deshalb probierten sie in der Situation, wo sie eigentlich konkursreif waren, noch einmal eine Sache.

Sie überlegten, ihr Social Business so zu vergrößern, dass es groß genug wäre, um den anderen Bereich quer finanzieren zu können. Das hieß aber, sie mussten in drei Jahren ihr Franchisenetzwerk versechsfachen, um zu überleben. Dafür brauchte es Investition.

Da die Banken in einer solchen Situation nicht mitspielen, mussten sie Social Venture Capitalists von ihrem Konzept überzeugen. Hauptgeldgeber wurde ein deutscher Social Impact Investmentgeber. Er hatte ihr Konzept nicht wirklich verstanden und hielt es trotzdem für so überzeugend, dass er es finanzierte. Zumindest konnte er offensichtlich die soziale Wirkung erkennen. Zudem war ein Proof of Concept und Proof of Market durch die langjährige vorherige Tätigkeit bereits vorhanden. Das war ihr Glück und sie konnten das Rad wenden.

Vom gelösten Problem zur nächsten Herausforderung

“Es ist immer so im Leben, man löst ein Problem und steht vor der nächsten Herausforderung. Man kann es eben als Problem oder Herausforderung sehen”

Als sie also das Geld zugesagt bekamen, mussten sie als nächste Herausforderung auch wirklich das Versprochene liefern. Sie wuchsen also tatsächlich von 5 auf 30 Franchisepartner in drei Jahren. Das nächste Problem war allerdings, dass sie nicht ganz so profitabel waren, wie zuvor kalkuliert. Und so ging es weiter.

Die heutigen Herausforderungen stehen unter der Überschrift der Digitalisierung, um im Sozialbereich nicht von ihr überrollt zu werden. Also stehen wieder kapitalintensive Projekte an und eine neue Investorenrunden sind erforderlich. So wiederholt sich Vieles im Unternehmer-Leben.

“Man kommt nie an den Punkt, wo man sich nur zurücklehnt und sagt jetzt haben wir alles gelöst.”

Für wen ist Unternehmertum geeignet?

Es gibt aus Sicht von Klaus Candussi unterschiedliche Typen Mensch. Manche sind “gute Erste” und manche sind “gute Zweite”. Was passt, muss jeder für sich selber entscheiden, spüren und ausprobieren. Ausprobieren ist zentral. Einsatz braucht es auch, aber die Chance muss man erst einmal nutzen.

Shownotes